Die Orgellandschaft im Norden des Landkreises Elbe-Elster

von Hans Werner Unger

I
Der Landkreis Elbe-Elster ist einer von 14 Kreisen des Landes Brandenburg. Er liegt im Süden und grenzt an die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Sachsen. Geografisch wird er durch die Flussgebiete von Elbe und Elster, den westlichen Teil der Niederlausitz und die südlichen Ausläufer des Niederen Fläming geprägt.
Der Elbe-Elster-Kreis ist der Fläche nach mit 1.899 km² der drittkleinste Landkreis und zählt mit rund 106.000 Einwohnern - das entspricht einer Bevölkerungsdichte von nur 56 Ein- wohner / km² - zu den dünnbesiedelten Regionen Brandenburgs.1)

Die wechselvolle Geschichte des nördlichen Teils dieses Landstrichs wurde geprägt

  • durch das Gegen- und Miteinander von slawischen und deutschen Stämmen, denn es handelt sich um ursprünglich slawisches Siedlungsgebiet, das im frühen Mittelalter Ziel deutscher Expansion geworden war2) sowie den Einfluss flämischer und holländischer Einwanderer, die im 12. Jahrhundert hier siedelten;
  • durch die örtliche und geistig-geistliche Nähe zur Reformation, die ihren Ausgang von Jüterbog und vor allem Wittenberg nahm;
  • die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kursachsen und Brandenburg- Preußen.3)

Ist im folgenden Text von der Orgellandschaft im Norden des Elbe-Elster-Kreises die Rede, wird damit der kulturhistorische Blick auf ein Territorium gelenkt, das sich nördlich einer gedachten Linie entlang der Bundesstraße 87 (Torgau - Herzberg - Luckau) erstreckt. Dieses Gebiet wird vom Schweinitzer Fließ mit seinen Nebenarmen durchzogen, dessen Wasser der Schwarzen Elster zugeführt wird.

Wiederum nördlich des Schweinitzer Fließes liegt Ahlsdorf mit seiner Barockkirche. Weil seit altersher in den feuchten Niederungen am Südrand des Niederen Fläming Kraniche in großer Zahl siedeln, haben engagierte Ahlsdorfer, Hohenkuhnsdorfer und Schmielsdorfer als Identifikationsmerkmal die Bezeichnung „Kranichgrund“ für ihre Interessengemeinschaft gewählt. Ziel der Interessengemeinschaft Kranichgrund ist, vor allem durch kulturelle Angebote auch touristische Anreize zu schaffen und damit auf den natürlichen und kulturellen Reichtum der Region um Ahlsdorf aufmerksam zu machen.4) Der Barockkirche Ahlsdorf mit ihrer Orgel kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.5)


II
Betrachtet man die Karte (Abb. 1), ist unschwer zu erkennen, dass wir es hier mit einer quantitativ reichen Orgellandschaft zu tun haben. Bis auf wenige Ausnahmen haben alle Ortschaften als architektonische Dominante eine Kirche6), und in den meisten Kirchen ist eine Orgel vorhanden.7) Nicht alle diese Instrumente sind uneingeschränkt spielbar; für die Ahlsdorfer Orgel steht als Aufgabe, die Spielbarkeit als zweimanualiges Instrument mit Pedal durch eine umfassende Restaurierung und Konservierung überhaupt erst wieder herzustellen.

Die Übersichtstabelle (Abb. 2) hingegen verdeutlicht die qualitativen Besonderheiten unserer Orgellandschaft: Die meisten der Instrumente, wie wir sie heute vorfinden, wurden nach 1850 bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts hinein gebaut. Sie repräsentieren damit den Typ der „romantischen“ Orgel, die sich - ganz allgemein gesprochen - am Orchesterklang des 19.Jahrhunderts orientiert und dem Ideal der Verschmelzung von Registern in der 8´-Lage folgt, die sich durch einen dunklen, warmen Klang auszeichnen. Oftmals wurden dabei ältere Instrumente aus der Barockzeit entsprechend umgebaut bzw. umdisponiert, zumeist unter Beibehaltung von mechanischen Traktur und Schleifladentechnik.

Zu den gefragtesten Orgelbauern im 19. Jahrhundert zählten in unserer Region zweifelsohne Conrad Geißler8), Nicolaus Schrickel9), Friedrich Gerhardt10) und Wilhelm Rühlmann (sen.)11). (Die in Bad Liebenwerda alteingesessene Orgelbaufirma Arno Voigt war vorzugsweise im süd- lichen Teil des heutigen Kreisgebietes tätig.)

Bei aller Individualität der „Handschrift“ der genannten „romantischen“ Orgelbauer sind die klanglichen Ähnlichkeiten zwischen den Instrumenten unüberhörbar. Diese stilistische Ausrichtung bewirkt einerseits eine bemerkenswerte Geschlossenheit in unserer Orgellandschaft, andererseits lässt sie jene Vielfalt vermissen, die aus einer längerwährenden historischen Entwicklung entsteht. Insofern stellt die in der Pöppelmann-Kirche Lebusa vorhandene Orgel eine Besonderheit dar: Sie ist - neben dem Instrument in der Kirche zu Großkmehlen im Nachbarkreis Oberspreewald-Lausitz - das einzige im Landkreis Elbe-Elster erhaltene barocke Opus und wurde in der Werkstatt von Gottfried Silbermann gefertigt.

In diesem Kontext muss die Entscheidung von Kirchengemeinde und Orgelförderkreis Ahlsdorf gesehen werden, im Ergebnis konservatorischer und restauratorischer Maßnahmen die dortige Barockkirche mit einer spielfähigen Orgel in barocker Klangstilitik auszustatten. Ein solches Instrument wird die Orgellandschaft im Norden des Elbe-Elster-Kreises vielfältiger erscheinen lassen und bereichern.


Hans Werner Unger, Juli 2015                                                                                                                           letzte Aktualisierung: September 2015





Quellenhinweise für die Tabelle in Abb.2
1) Vgl. Lang, Elke: Barocke Pracht und schlichte Schönheit. Orgeln in Brandenburg, CULTURCONmedien, Berlin 2014, S. 146 ff.
2) Vgl. Denkmalstopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Brandenburg. Landkreis Elbe-Elster … Bd. 7/1 v. S. Gramlich und I. Küttner … Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms am Rhein 1998  

Anmerkungen
1) Die statistischen Daten beziehen sich auf den Stichtag 31.12.2013.
(vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Elbe-Elster - Stand: 05.07.2015)

2) Die Tatsache, dass es sich um ursprünglich (west-)slawisches Siedlungsgebiet handelt, spiegelt sich bis heute in zahlreichen Ortsnamen (z.B. auf die Endung -ow bzw. -o oder auch -itz) wider. Ahlsdorf wurde lange Zeit als Wendisch-Ahlsdorf geführt, zur Unterscheidung von der deutschen Ortsgründung (Hohen-)Ahlsdorf bei Jüterbog.

3) Vgl. hierzu die folgende umfangreiche Studie von Unger, Christian Martin: Entwicklung im ländlichen Raum: Der Ortsteil Ahlsdorf in der amtfreien Stadt Schönewalde. Eine Kulturkonzeption für den „Förderkreis Barockkirche Ahlsdorf“, Sächsische Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, Dresden 2012 (Ms.-Druck, unveröff.)

4) Die Interessengemeinschaft Kranichgrund setzt sich seit ihrer Gründung 2011 aktiv für die Aufwertung und die Steigerung der Attraktivität des Lebensraums um Ahlsdorf in der Öffentlichkeit ein. Mit zahlreichen Veranstaltungen (Benefizkonzerte, Vorträge) hat sie in den zurückliegenden Jahren nicht allein die Sanierung der Barockkirche ideell und materiell unterstützt, sondern auch die Orgelsanierung nachhaltig mit vorbereitet.

5) Im Dezember 2014 wurde der Orgelförderkreis Ahlsdorf gegründet, der die Spendenaktion „Orgelpfeifen suchen Paten“ initiiert hat (vgl. www.orgel-ahlsdorf.de - Stand: 05.07.2015).

6) Zu den wenigen Orten in unserer Region, denen es an einem Kirchengebäude mangelt, gehören beispielsweise Hartmannsdorf und Horst, die Vorwerke zu Ahlsdorf bzw. Brandis waren. Rahnisdorf besaß ursprünglich ein Gotteshaus, das nach der Verwüstung des Ortes im Dreißigjährigen Krieg jedoch nicht wieder aufgebaut wurde.

7) „Orgellose“ Kirchen finden sich in Brandis und in Mahdel.

8) zu Conrad Geißler (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_Geißler - Stand: 05.07.2015) Weitere Instrumente finden sich in der näheren Umgebung in Kleinrössen und Übigau.

9) Über Nicolaus Schrickel existiert u.W. noch kein biografischer Artikel; Informationen zu diesem Orgelbauer finden sich bei 7). Aus den Jahren 1868/69 stammt die Orgel in Beyern.

10) Einige Informationen zu Friedrich Gerhardt über www.leipzigerneuseenland.de - Stand: 05.07.2015

11) zu Wilhelm Rühlmann (sen.) vgl. www.orgelbauanstalt-rühlmann.de - Stand: 05.07.2015
sowie https://de.wikipedia.org/wiki/ Wilhelm Rühlmann - Stand: 05.07.2015 Auch die Orgeln in Großrössen und Wiederau, wenige Kilometer südlich von Herzberg, hat Rühlmann gefertigt.